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Gelegentlich liest man in Illustrierten über die Lebenserfahrung von über 100 Jährigen (ein Beispiel) und versucht daraus Rezepte für ein langes Leben abzuleiten.

Diese Stories sind zwar amüsant, aber man sieht an schon an den Widersprüchen, dass man sie nicht generalisieren kann. Der eine schwört auf Sex, der andere auf Enthaltsamkeit, was stimmt nun?

I like Tübingen

Wer viel mit wirklich alten Menschen zu tun hat, weiß, dass man mit ihren Ansichten vorsichtig umgehen muss. Ich will nicht sagen, dass sie absichtlich lügen, aber man sollte ihre Aussagen doch relativieren. Vieles ist vergessen, manches wird überbetont, viele Alte sind auch gute Unterhalter und sie erzählen das, wofür sie den meisten Applaus bekommen. Andere provozieren gerne mit unsinnigen Behauptungen und wieder andere pflegen nur ihre Eitelkeit.

Dabei ist die Maßzahl, um die es geht, nämlich die Zeit seit der Geburt - zumindest in den Ländern mit entsprechenden Registern - heute nur schlecht manipulierbar. Aber es passiert doch, wie man inzwischen aus den Vorfällen aus Kreta weiß, wo man wahrscheinlich mit Wissen aller Beteiligten die Alten auf dem Papier über 100 Jahre hat alt werden lassen, um die Renten vom Staat zu kassieren.

Mir geht es nun weniger um die Extreme, das heißt um die Rekorde, die so um 120 Jahre zu liegen scheinen, sondern um die Altersgrenzen 80 und 90 Jahre. Für beide habe ich viele persönliche Kontakte und die Möglichkeit mich mit den Frauen und Männern zu unterhalten.

Die Grundfragen dabei sind:

  1. Wieviel habe ich vererbt bekommen und kann ich deshalb nicht mehr beeinflussen?
  2. Wieviel hängt von meiner Umgebung ab, die ich in einem gewissen Maß (z.B. durch Auswahl) beeinflussen kann?
  3. Wieviel kann ich frei entscheiden, weil ich darüber tatsächlich Kontrolle habe?

Der Stand der Wissenschaft scheint zu sein, dass ein Viertel in den Genen liegt, also nicht beeinflussbar ist. Man leitet dies aus der Zwillingsforschung ab. Aber ich habe große Zweifel an diesen 25 Prozent, 50 Prozent erscheinen mir viel wahrscheinlicher.

Es haben viele Menschen ein Interesse daran, dass die Lebenszeit beeinflussbar ist. Man kann damit sehr viel Geld verdienen, indem man in allen Varianten "Gesundheit" verkauft. Man kann damit Macht ausüben, ganz eklatant machen es jene Religionen, die ohne Beweise sogar ein "Ewiges Leben" versprechen.

Man kann Schuld zuweisen oder zumindest schlechtes Gewissen erzeugen, wenn jemand nicht alt wird, obwohl er oder sie gar nichts dafür kann, weil es eben die Gene schon vorbestimmt haben.

Dazu kommen noch politische Vorurteile. Man will Menschengruppen, ja selbst Familien, keine intrinsischen Eigenschaften zuordnen, weil es Rassenvorurteile schürt und Diskussionen über die Eugenik fördert.

Und es liegt auch in der Natur unsere Freiheitsverständnisses, dass wir alles ablehnen, was wir nicht selbst bestimmen können. Wir wollen eher die Akteure sein und nicht die Zuschauer.

Wie gesagt, es gilt in unserer westlichen Welt nicht als opportun, das Alter als gegeben, als Los oder Schicksal, anzunehmen. In anderen Kulturen ist dies eher akzeptiert, wenn z.B. durch das Kismet viel vorbestimmt erscheint.

Warum komme ich trotzdem zu einem anderen Urteil als die Wissenschaft? Es sind diese vielen beobachteten Parallelen in der Entwicklung von Menschen innerhalb einer Familie, die mich nachdenklich stimmen.

Geschwister, selbst wenn sie weit entfernt leben, sterben an gleichen Krankheiten oder im gleichen Alter, Kinder erben nicht nur die Anlagen zu Krankheiten, sondern auch die Verläufe, wenn sie eintreten.

Da ich manchmal schon drei Generationen überblicken kann, konnte ich oft sehen, wie die Kinder wie ihre Eltern wurden. Ich kann keine Forschungsergebnisse dazu angeben, aber ein höherer Prozentsatz als 25 Prozent für die Vererbbarkeit des Alters erscheint mir mehr als plausibel und ich nehme hier deshalb mal 50 Prozent an. Wer es anzweifelt, ich könnte auch mit einem Drittel leben. Es ist unter dem Strich nicht so bedeutend, wie hoch der Prozentsatz wirklich ist. Tatsache bleibt, dass wir nicht alles beeinflussen können, sondern manches einfach über uns ergehen lassen müssen.


Wie ist dies nun mit der anderen Hälfte, wieviel kann ich davon wirklich persönlich beeinflussen und wieviel bestimmt schon das Umfeld für mich?

Blick von der Neckarbrücke in Tübingen

Wesentliche Faktoren für das Altwerden, wie langer Friede, Wohlstand, Bildung, ungefährliche Arbeitsplätze, Gesundheitswesen mit Krankenkassen, Ärzten und Kliniken, geringe Kriminalität, genügend Nahrungsmittel, sichere Energieversorgung, sauberes Wasser, sichere Verkehrsmittel, eine finanzielle Altersvorsorge und anderes mehr kann ich zwar mitbestimmen oder bei Wahlen unterstützen, aber sie liegen sonst im wesentlichen außerhalb meiner persönlichen Kontrolle. Es ist daher richtig, unsere ständig steigende Lebenserwartung vor allem als gesellschaftliche Leistung darzustellen.

Selbst die Entscheidungen, die ich tatsächlich persönlich treffen kann und die meine Lebendauer stark beeinflussen, wie gesunde Ernährung, Bewegung, Unterhaltung oder Lebensfreude setzen eine Infrastruktur voraus, die mir das alles erlaubt.

Auch die Möglichkeiten wichtige persönliche Kontakte zu schließen, gleichgesinnte Menschen zu treffen, zu reisen und Fremdes kennen zu lernen, meinen Wohnort frei zu wählen, meinen Beruf aussuchen und ausüben zu können, mich zu engagieren, kurz meinem Leben einen Sinn zu geben, haben große Abhängigkeiten zu meinem Umfeld.

Ich kann diesen Bereich deshalb nicht leicht aufteilen, aber auch hier scheint mir jeweils die Hälfte ganz vernünftig zu sein. Also sind nach meinem Modell 50 Prozent nicht beeinflussbar, etwa 25 Prozent durch das Umfeld bestimmt zu sein und nur etwa 25 Prozent sind mir selbst zuzuschreiben. Oder um mit obigen Modifikationen zurecht zu kommen: Ein Drittel Gene, ein Drittel Umfeld und nur ein Drittel bleibt mein eigener Beitrag. Dies ist doch sehr ernüchternd, finde ich und nicht gerade motivierend sich für ein langes Leben anzustrengen.


Was ist nun mein persönlicher, eigener Beitrag für ein langes Leben? Ich denke, es sind im wesentlichen richtige Entscheidungen, die auf einer Vorstellung von meinem eigenen Leben beruhen und Maßnahmen und Anstrengungen, die mich über unvorhergesehene Schwierigkeiten und vorhersehbare Krisen getragen haben.

Universität Tübingen

Oft wird die Religion als Hilfe dabei angesehen, aber was ich darüber gelesen habe, bestärkt diese Annahme nicht. Religiöse Menschen mögen subjektiv gesehen besser leben, älter werden sie deshalb nicht.

Wichtige Entscheidungen aber sind die Wahl der Lebenspartner, der Berufe, der Wohnorte, der Hobbys. Eine umfangreiche Diskussion dazu findet man in meiner Praxilogie. Und dort habe ich, einige Zeit, bevor ich mich detailliert mit den Seniorenthemen beschäftigt habe, auch schon etwas mit dem Alter auseinander gesetzt.

Und so übernehme ich von dort auch eine kleine Tabelle, die zumindest meine Beobachtungen unterstützt.

Es lebt länger

Wer arbeitet

Wer einen festen Partner hat

Wer alte Vorfahren hat

Wer Geld hat

Wer gebildet ist

Wer Haustiere hat

Wer aus dem Haus geht

Wer sich selbst versorgen kann

Wer einen Sinn in seinem Leben sieht

Wie immer bei Fragen, die ich nicht entscheiden kann oder die auch gar nicht entscheidbar sind, kommt es darauf an, mit welchen Annahmen ich besser leben kann. Und mit den folgenden kann ich ganz gut leben:

1. Ich weiß, dass mein Leben endlich ist und dass es irgendwann aufhören wird, ganz egal, ob ich selbst dazu beitragen kann oder nicht.

2. Vieles wird mir über die Gene schon in die Wiege gelegt, aber einiges kann ich selbst entscheiden.

3. Ich weiß, dass ich stark von meinem Umfeld abhängig bin und trage dazu bei, es zu stärken und in meinem Sinne seniorenfreundlich zu gestalten.

4. Auch wenn mein Gestaltungsspielraum klein ist, ich nütze ihn, um älter zu werden und um meine Lebensqualität im Alter zu verbessern.

Der letzte Punkt scheint mir besonders wichtig zu sein. Es kommt nicht allein auf die zusätzlichen Jahre an, das Produkt von Lebenszeit und Lebensqualität ist das Ziel.

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Und weil ich schon beim Abweichen zu gängigen Ansichten über das Altwerden bin, so widerspreche ich hier auch dem häufig gehörten Bonmot "Jeder will alt werden, aber keiner will alt sein". Für mich stimmt es definitiv nicht.

Biergarten

Ich genieße wirklich die Freiheit des Alters, erfreue mich an der Gelassenheit, die es mit sich bringt und nütze die Zeit, die ich habe. Ich kann die Früchte eines Lebens ernten und mich an Kindern und Enkelkindern erfreuen, ohne für sie Verantwortung übernehmen zu müssen. Ich muss nicht mehr überall der Fahrer sein, es lebt sich auch gut, manchmal sogar besser, als Beifahrer. Es ist schön, oft einfach nur Beobachter oder Erzähler sein zu können. Und ich muss auch nicht mehr die Welt erobern, es genügt, wenn ich in meinem vertrauten Umfeld sicher leben kann.

Wer keine Interessen zu verteidigen hat, kann ehrlicher sein, wer keine Konkurrenz mehr zu befürchten hat, kann großzügiger sein und leichter fördern. Das in vielen Jahren aufgebaute soziale Netz erleichtert nicht nur die eigenen Angelegenheiten, sondern kann jetzt auch anderen helfen. Nicht umsonst pflegt man in anderen Kulturen das Alter, in dem man den Rat der Ältesten einholt.

Natürlich kämpfe auch ich gegen viele Beschwerden, aber die hatte ich in anderer Form auch als junger Mensch. Aber ich muss nicht mehr arbeiten, meine Seele verkaufen, kann meine Zeit frei einteilen, kann eine eigene Meinung haben und kann auch "nein" sagen, ohne dafür gleich abgestraft zu werden. Es ist offensichtlich gar nicht so schlecht, "Opa zu sein".

Vieles, was mich früher sehr aufgeregt hätte, weil man die negativen Folgen nicht tragen wollte, betrifft mich einfach nicht mehr, weil ich weiß, dass ich es ohnehin nicht mehr erleben werde.

Ich diskutiere dies auch manchmal mit jungen Menschen. Zuerst sind sie überrascht, weil es nicht ihrem negativen Altenbild entspricht, aber dann leuchten die Argumente doch ein und manchmal kommt dabei auch so etwas wie Neid auf.

Ich weiß, dass ich mit meiner Ansicht nicht allein bin. Ist das Umfeld seniorenfreundlich gestaltet, sind die Finanzen gesichert, gibt es genügend Kontakte, Unterhaltung und Abwechslung, dann ist es auch im Alter schön. Besonders wenn ich in Wien bin, wird mir dies oft bestätigt: Es ist schön, alt zu sein, wir genießen es!

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